5 Jahre danach...2008

Endlich finde ich Zeit, euch zu erzählen, wie es weiterging...

Nie habe ich meinen Traum von einem Leben ohne Depression aufgegeben, auch wenn es manchmal, ja sogar oft, sehr schwierig war, nicht aufzugeben, nach vorne zu blicken. Immer wieder hatte ich Tiefs, aus denen ich oft keinen Ausweg sah. Dank der Atemtherapie, die ich seit Dezember `03 mache, schaffte ich es aber immer wieder die positiven Dinge des Lebens zu sehen und mich selber immer mehr zu akzeptieren, mit der Zeit sogar zu mögen.

Im Oktober`04 musste ich nach monatelangen Schmerzen meinen Weisheitszahn ziehen lassen. Wegen der immer noch vorhandenen Panikattacken habe ich diesen Termin so weit wie möglich in die Zukunft geplant, um mir selber keinen Stress zu machen und mir die nötige Zeit zu geben, die ich noch brauchte. Dann endlich war der Termin da... 18.10.04... Mir ging es sehr gut an diesem Morgen. Am Tag davor war ich noch in der Atemtherapie um mir die nötige Power zu geben. Während der Zahnarzt mir den Zahn zog, bekam ich extrem heiss, was ich aber als *uff-ich-habs-bald-hinter-mir-Schweiss* deutete und mir keine weiteren Gedanken darüber machte... Nach ein paar Minuten war der Zahn raus und der Zahnarzt schaute mich entsetzt an und fragte, ob alles ok sei mit mir. Ja, ausser, dass ich heiss habe.... Ich wollte meine Ärmel nach hinten schieben und musste mit Entsetzen feststellen, dass meine Arme, meine Hände, einfach alles an mir ums doppelte angeschwollen war... Dann ging alles ganz schnell... Der Notruf wurde bestellt und ich in Liegeposition gebracht... Mir ging es innert Minuten sehr, sehr schlecht... So schlecht, dass der Zahnarzt beschloss den Arzt aus dem Nebenhaus zur Hilfe zu holen - auf den Krankenwagen warten lag nicht mehr drin... Der Arzt kam, mass meinen Puls und kam ins Schwitzen... Ich hatte einen Kreislaufschock... Irgendwie bekam ich aber alles mit... Meine Vene wurde nicht gefunden und man musste schon Angst um meine Organe haben... Dann endlich konnte er mir das dringend nötige Cortison spritzen... Ich schrie, dass ich nicht sterben könne, meine Tochter ist doch erst 2 Jahre alt.... Dann wurde ich endlich soweit stabil im Krankenwagen auf die Intensivstation gefahren... Dank den Medikamenten und dem Sauerstoff ging es mir körperlich aber am Abend schon wieder so gut, dass ich nach Hause konnte... Mit im Gepäck eine riesengrosse Angst, dass ich wieder einmal einen Anaphylaktischenschock haben könnte. Zudem war ich sauer auf mich selber... Wie hatte ich mir nur einbilden können, dass ich das alles schaffe ohne aus der Rolle zu fallen? Die Allergie auf das Mittel ist extrem selten -- ausgerechnet mich hats getroffen.... Dabei wollten wir uns wieder der Familienplanung widmen.... Ein 2. Kind war unser Traum...

Nachdem ich 3 Monate lang mein Vertrauen in mich wieder aufbauen musste, waren wir endlich bereit Noelia ein Geschwisterchen zu schenken. Es klappte sofort und ich war unendlich glücklich, dass ich so ein Wunder nochmals erleben darf - Bis zur 11. Woche... Dann platzte mein Traum mit einem Schwall Blut und unendlichen Schmerzen am 1.4.05. Unser Baby durfte nicht leben und hat mir mit seinem frühen Sterben einen Teil meines Herzen mitgenommen. Wochenlang habe ich die ganze Welt und vorallem mich selber verflucht... *ich bin eben doch eine schlechte Mutter! Logisch, dass das Kind nicht zu mir kommen wollte* Ich sass fest in meiner Trauer um mein geliebtes Kind, das ich gehen lassen musste... Daneben musste ich irgendwie unseren Umzug planen. Als wir dann in unserem neuen Heim eingezogen waren, versuchten wir es erneut... Aber mein Körper war noch immer nicht bereit und ich verlor auch dieses Kind. Diesmal in der 5. Schwangerschaftswoche.... Das war am 2.September`05...

Als ich am 28.9.05 das Mittagessen vorbereitete, hatte ich plötzlich das Gefühl einen Schwangerschaftstest machen zu müssen... Schon nach wenigen Sekunden war eindeutig -- ich bin schwanger!!!!!!!!  Aber meine Freude blieb aus.... Zu gross war die Angst vor einer weiteren Fehlgeburt... Zudem hatte mein Mann zu der Zeit einen schlimmen Virus, der für Ungeborene sehr gefährlich ist.... Mein Hausarzt hat Tests gemacht um zu sehen, ob ich dieses Virus schon hatte und telefonierte mit Spezialisten... Das alles lief irgendwie an mir vorbei... Ich hatte einfach nur Angst! Dann endlich kam der erlösende Anruf mit den Ergebnissen... Ich hatte den Virus und somit auch Antikörper -- unser Baby war ausser Gefahr... Bis in die 13. Schwangerschaftswoche.... Bei einem normalen Untersuch stelle die Frauenärztin eine verbreiterte Nackenfalte fest... Sie drückte uns Infohefte in die Hand und wünschte uns ein schönes Wochenende.... Tja, da standen wir nun.... Verdacht auf Down Syndrom oder schwere Behinderungen... Ich hätte die ganze Welt hassen können an jenem Freitag... Warum konnte unser Kind nicht eifach gesund sein??? Konnte es wirklich sein, dass ich eine solch riesige Aufgabe mit einem besonderen Kind auf mich nehmen muss? Bin ich dafür genug stark?  Nach verschiedenen, nicht eindeutigen Tests beim Spezialisten mussten wir uns überlegen, was wir machen, wenn sich der Verdacht der Behinderung bestätigen würde. Wir hatten etwa 5 Wochen Zeit... In der 20. Woche wurde unser ungeborenes Kind wortwörtlich auf Herz und Nieren (usw.) überprüft mit dem Glück, dass sie mit grosser Wahrscheinlichkeit gesund ist! 

Trotz dieser wunderbaren Nachricht war die Schwangerschaft für mich nicht einfach. Die Ängste wurden immer mehr und ich entschloss mich, wieder in Therapie zu gehen. Zudem habe ich mir während der Schwangerschaft einen "Notfallplan" ausgeheckt um mir die Angst vor der Zeit nach der Geburt zu nehmen. Ärzte, Mütterberaterin, Hebamme, Therapeutin, Freundinnen und natürlich die Familie wussten von meiner Angst und versicherten mir, in dieser Zeit für mich da zu sein.

Nach wochenlangen Wehen durfte ich am 06.06.06 endlich unsere 2. Tochter VALENTINA LUANA gesund zur Welt bringen. Nach 3 Tagen verliess ich das Spital mit einem ruhigen Grundgefühl in mir. Ein paar Mal dachte ich, dass ich vielleicht wieder in eine Depression fallen könnte, aber ich habe mich immer wieder gefangen, mir bewusst gemacht, dass ich nicht wieder depressiv werden MUSS. Ich darf gesund sein!!!! Lustigerweise habe ich ein paar Wochen nach Valentinas Geburt entdeckt, dass ihr Name *gesund sein*  bedeutet.... ;o)

Obwohl wir familiär grosse Hürden überwinden mussten, oft von Ängsten und Sorgen umgeben und erfüllt waren, habe ich das erste Jahr mit Valentina ohne Depression hinter mir gelassen. Ein schönes Gefühl, mich endlich gesund zu sehen und zu spüren, dass ich das Leben geniessen kann, wenn ich es mir nur selber gönne.

Oft hat mich die Erinnerung an die Zeit nach Noelias Geburt eingeholt.... Ich realisierte, wie viel ich durch die Krankheit verpasst habe... Valentinas Entwicklugsschritte habe ich in mir aufgesogen, mich täglich erfreut, dass ich es endlich geniessen kann!

Nein, ich habe keine Mühe mit Noelia und auch keine damit, dass ich so krank war. Im Gegenteil!!!!  Ich bin froh, dass ich das erleben musste... Ohne die Depression wäre ich nicht da, wo ich heute bin! Es war ein steiniger, tränenreicher Weg zu mir selber aber ich habe es geschafft -- ich allein!!!!!!!!!!!!  Meine Bindung zu Noelia ist sehr intensiv... Die Zeit hat uns zusammengeschweisst und ich bin sehr froh, dass sie heute ein so fröhliches Mädchen ist!

Heute glaube ich daran, dass Nichts ohne Grund geschieht, dass man immer etwas Positives für sich mitnehmen kann.  Die Depression nach Noelias Geburt hat mich tief fallen lassen --- dafür darf ich heute die wunderbaren Weiten des Lebens geniessen und mich jeden Tag an meinen Kindern erfreuen.

GEBT NIEMALS AUF!!!!!

Noelia Aischa *3.11.02 und Valentina Luana *06.06.06