Meine Geschichte

Meine Schwangerschaft verlief eigentlich problemlos, bis ich in der 30. Woche plötzlich Wehen hatte und der Gebärmutterhals sich verkürzte. Ich musste mich schonen, durfte auch nicht mehr arbeiten. Ich war dann also zu hause und hatte die Zeit der Welt um mich auf das "Mami-sein" vorzubereiten. Ich freute mich riesig auf den Moment der Geburt. Obwohl ich sonst, was Schmerzen anbelangt, sehr ängstlich bin, hatte ich keine Angst vor der Geburt. Im Gegenteil, ich freute mich riesig darauf! Mein Bauch wuchs immer mehr und mitte Oktober durfte ich dann endlich das Medikament absetzen, das ich gegen die vorzeitigen Wehen nehmen musste. Die Ärzte meinten, dass das Kind bald kommen werde, aber unsere Tochter liess sich Zeit. Ich konnte mich kaum mehr bewegen, hatte 18 Kilo zugenommen und einen Bauchumfang von 113cm...

Als am 3. November dann endlich die Fruchtblase sprang und die Wehen einsetzten, war ich die Ruhe selbst. Ich habe die Wehen geschehen lassen, nie geflucht und nie das Gefühl gehabt, dass ich nicht mehr kann. Um 19.44 Uhr hat unsere Tochter NOELIA AISCHA mit 46 cm und 2920 Gramm das Licht der Welt erblickt. Unbeschreiblich, was wir in diesem Moment gefühlt haben!!!! Wir wurden Eltern einer wunderschönen Tochter! Bereits im Spital hatte ich extrem Mühe die Kleine nicht bei mir zu haben. Sie schlief bei mir im Bett, dicht an mich gekuschelt...Wenn Besuch die Kleine in den Armen hielt, fühlte ich mich leer und alleine. Die berühmten Heultage hatte ich nicht. Ich war einfach nur glücklich. Für mich hat alles gestimmt, irgendwie lebte ich in meiner eigenen Welt. Es gab nur mich, meinen Mann und Noelia. Alles andere prallte von mir ab, ich liess nichts an mich ran.

Noelia war ein sehr ruhiges Baby, hat uns von Anfang an viel Freude bereitet und nur selten geweint. Sie war - und ist - ein richtiger Sonnenschein und ich liebe sie über Alles! Leider wurde unser junges Familienglück 2 Wochen nach der Geburt getrübt. Im Spital in dem ich entbunden habe gab es einen Tuberkulose-Fall. Noelia musste zu Untersuchen ins Kinderspital wo man ihr Magensaft absaugen musste und ihr die Lunge geröngt hat. Das Schlimmste war, dass wir ihr 2 Monate lang ein starkes Medikament geben mussten, weil uns niemand sagen konnte, ob sie sich angesteckt hat oder nicht. Noelia hat sich durch die Medikamente verändert, schrie plötzlich, teilweise stundenlang. Sie tat uns so leid und doch wussten wir, dass wir ihr im Moment nicht helfen konnten. Ich musste einfach stark sein und Noelia alles geben. Ich habe mich sehr an Noelia gebunden... Sie schlief nur bei mir, ich denke, dass ich es auch nicht anders wollte.. Mein Beschützer- und Mutterinstinkt lief auf Hochtouren. Als ich dann am 4. Februar zur ersehnten Abschlussuntersuchung ins Kinderspital musste, war ich einfach nur glücklich, dass das Ungewisse endlich ein Ende hat.

Ich musste sehr früh aufstehen, stillen und dann das Auto aus dem Schnee graben... Es hatte in der Nacht alles zugeschneit. Der Schnee lag auf den Strassen und ich hatte einen weiten Weg vor mir. Ich musste mich extrem konzentrieren und kam dann endlich mit Verspätung an. Noelia schlief friedlich im MaxiCosi und ich musste auf die Ärztin warten. Mir wurde irgendwie komisch, alles schien so unreal... Ich schwitzte und frohr, mir war übel und ich war wahsninnig nervös. Ich dachte, dass das von der anstrengenden Fahrt ist, aber irgendwie konnte ich mich nicht mehr beruhigen. Als dann endlich die Ärztin kam und mich fragte, wie es mir geht, konnte ich nur noch "nicht gut" sagen. Dann war ich für über eine Stunde unfähig etwas zu tun.      Ich legte mich hin, aber alles drehte sich. Die Lampe über mir kam immer näher, drehte sich, ging wieder weg... Ich fragte mich immer wieder, was bloss mit mir los ist. Ich wollte sagen, dass ich etwas Wasser brauche, aber es ging nicht. Ich konnte nicht mehr sprechen. So lag ich dann dort und hoffte, dass es endlich vorbei ist. Ich hatte das Gefühl, dass ich sterben muss.... Als Noelia dann erwachte und ich wusste, dass sie hunger hat, habe ich wieder funktioniert. Ich war zwar schwach weil das Ganze sehr anstrengend war, aber ich konnte wieder sprechen und endlich die Fragen der Ärztin beantworten. Ich habe dann meinen Mann angerufen, damit er uns abholt und nach Hause fährt. Ich wäre nicht in der Lage gewesen Auto zu fahren. Später hat man mir gesagt, dass ich einen Nervenzusammenbruch hatte.

Zu Hause habe ich mich dann wieder einigermassen erholt. Mein Mann hat seine Ferien vorverschoben, damit er bei mir sein konnte. Ich fühlte mich etwas besser, war aber sehr gereizt und unzufrieden. Ich konnte nicht schlafen und war sehr unruhig. Als wir am 14. Februar in der Drogerie etwas kaufen gingen, hatte ich die erste schlimme Panikattacke. Ich wollte nur noch raus aus dem Geschäft, hatte das Gefühl dass ich keine Luft mehr bekomme und mir war wahnsinnig schlecht. Das Gefühl dauerte Stunden an, ich war wie gelähmt. Ab diesem Tag konnte ich mich nicht mehr frei bewegen. Ich konnte das Haus nicht mehr verlassen, habe nur noch geweint und jede Freude am Leben verloren. Ich habe meine Tochter angesehen und geweint... Wie war es möglich, dass ausgerechnet ich eine so wunderbare Tochter bekomme?? Ich hatte das Gefühl, dass ich die Letzte bin, die so etwas wundervolles verdient hat. Was habe ich denn schon geleistet in meinem Leben ?

Irgendwie habe ich es immer geschafft für Noelia zu sorgen. Seitdem sie das Medikament nicht mehr nehmen musste schrie sie auch nicht mehr. Ich hatte eine wahnsinnige Angst vor dem plötzlichen Kindstod oder dass ihr sonst etwas Schlimmes passieren könnte. Ich hatte Angst, dass man sie mir wegnehmen könnte, weil ich eine so schlechte Mutter bin, dass man sie mir stehlen könnte wenn ich auf der Strasse bin mit ihr, dass wir einen Unfall haben und sie stirbt, dass sie Mangelerscheinungen haben könnte weil ich sie nicht gut gennug ernährte, dass, dass ,dass..... Meine Gedanken drehten sich den ganzen Tag und ich konnte sie nicht stoppen. Ich wusste, dass sie unrealistisch sind, trotzdem schaffte ich es nicht, auch nur einen einzigen positiven Gedanken zu finden... Ich sass einfach da und habe geweint - stundenlang, tagelang.

Meine Mutter ging für uns einkaufen und mit Noelia an die frische Luft. Ich selber habe 4 Monate nur in der Wohnung verbracht und mir fast die Augen aus dem Kopf geweint.. Ich schaffte es in die Therapie und zum Arzt zu gehen. Alles andere war unmöglich. Ich war gefangen in meiner Depression, konnte nicht mal auf den Balkon gehen. Wenn es geklingelt hat, bekam ich Schweissausbrüche und wäre am liebsten weggerannt. Ich hatte einfach keine Kraft mehr, konnte mich selber nicht mehr auffangen. Gegen die Einnahme von Antidepressiva  habe ich mich immer gewehrt. Ich wollte mir nicht in die Psyche eingreifen lassen ( ob das vernünftig war, weiss ich heute noch nicht...). Ich habe 28 Kilo abgenommen, konnte nicht mehr essen. Ich hatte einfach Angst vor Allem !!! Wenn ich etwas gegessen habe, hatte ich nachher stundenlang Angst, dass mir davon schlecht wird. Ich bin nur noch mit dem Telefon in der Hand in der Wohnung rumgelaufen, weil ich eine permanente Angst hatte, dass ich bewusstlos umfallen könnte. Ich hatte sogar Angst zur Toilette zu gehen. Duschen war Horror, das konnte ich nur, wenn mein Mann zu hause war. Meine Ängste wurden immer schlimmer und je mehr ich mich dagegen wehrte desto schlimmer wurden sie.

Mitte Juni ging ich dann für 4 Wochen in die Casa Florina in Uster. Das ist eine Wohngruppe für Frauen die an postnatalen - und Erschöpfungsdepressionen leiden. Die Therapie dort und das "nicht alleine sein" haben mir sehr gut getan. Ich bin in diesen 4 Wochen aufgeblüht, habe neuen Lebensmut geschöpft. Habe auch gelernt, dass nicht nur ich alleine für meine Tochter sorgen kann. Sie schläft jetzt in ihrem Bett und mittlerweile auch in ihrem eigenen Zimmer. Ich musste lernen, dass Noelia zwar meine Tochter, aber auch eine eigene Persönlichkeit ist. Die "Ablösung" war nicht einfach und es macht mir immer noch Mühe mal ohne sie zu sein.

Während meinem Aufenthalt habe ich mit 2 Schulkolleginnen ein Klassentreffen organisiert, auf das ich mich sehr freute. Leider fiel das Datum des Treffens auf das erste Wochenende nach meinem Aufenthalt im Spital. Die Vorbereitung, die vielen Leute, die Musik, das Essen, das Aufräumen... Es war zu viel für mich und so hatte ich meine nächste Krise schon 3 Tage nachdem ich wieder zu hause war... Ich war wirklich am Ende, wusste nicht, was ich noch tun soll, damit ich endlich wieder normal leben kann. Noelia und mein Mann haben mir in dieser schlimmen Zeit sehr viel gegeben. Sie liessen mich spüren, dass unsere Familie nur MIT mir eine richtige Familie ist. So habe ich mir immer selber wieder Mut zugesprochen das Ganze zu überstehen und nicht aufzugeben. Die Ängste aber blieben und liessen mich manchmal fast wahnsinnig werden.

Die Sommerferien waren genial! Ich wurde ruhiger und schaffte es endlich wieder, nach 6 Monaten, Einkaufen zu gehen. Nach den Ferien klappte es jeden Tag, was mich zwar sehr viel Kraft gekostet hat. Aber ich habe es geschafft. Spazieren gehen konnte ich alleine mit Noelia noch immer nicht. Ich hatte noch immer Angst, dass ihr etwas passieren könnte... Versucht habe ich es immer wieder, aber ich hatte jedesmal so Schwindelanfälle, dass ich nicht einmal die Türe geöffnet habe...

Ende September haben wir entschieden, dass wir umziehen. Ich fühlte mich nicht mehr wohl in der Wohnung. Irgendwie war all das Negative der vergangenen Monate in diesen 4 Wänden. Ich musste weg aus diesem Dorf in dem ich aufgewachsen bin. Ich habe realisiert, dass ich mich in einem Ablösungsprozess befinde, dass ich nicht mehr "nur" Tochter sondern selber Mutter bin. Meine Probleme liegen nicht bei meinem Kind sondern in meinem Prozess mich von meiner eigenen Mutter zu lösen.

Seitdem wir umgezogen sind, geht es mir viel besser. Ich kann einkaufen, kann mich mit anderen Mamis in der Krabbelgruppe treffen und manchmal schaffe ich es auch, etwas Spazieren zu gehen.

Ich weiss, dass ich noch einen weiten Weg vor mir habe, aber ich weiss, dass ich meine Ängste und meine Depression irgendwann ganz hinter mir lassen kann. Ich schaff es für meinen Mann, meine Tochter und - vorallem - für MICH !

Ich habe sehr viel über mich gelernt in dieser schlimmen Zeit. Ich versuche immer wieder das Ganze als etwas Positives zu sehen. Schliesslich habe ich mich selber viel besser kennen gelernt. Keinen Augenblick war ich Noelia irgendwie böse - im Gegenteil ! Ich bin ihr dankbar, dass sie mir mit ihrer Geburt die Augen vor meinen eigenen Problemen geöffnet hat ! Sie hat mir gezeigt, dass in meiner Seele schon lange das Chaos geherrscht hat.

glücksmoment

Ganz herzlich möchte ich auch meinem geliebten Mann DANKE sagen ! Er hat mich immer unterstützt und mir Mut gemacht. Vorallem aber hat er mir jeden Tag gezeigt, dass er mich von Herzen liebt. Ohne ihn wäre ich nicht da wo ich jetzt bin. Danke mein Schatz, dass es Dich gibt ! Und DANKE meine geliebte Noelia, dass ich Dich bekommen durfte! Du zeigst mir jeden Tag, was wirklich wichtig ist im Leben!                        Ich liebe euch beide von ganzem Herzen!