Sicht des Partners

Als unsere Tochter zur Welt kam, freute ich mich riesig. Unser Glück schien unendlich und war durch nichts zu erschüttern. Alles schien perfekt zumal ich ja auch mit meiner Frau den Geburtsvorbereitungskurs absolviert hatte und auch ein paar Bücher übers Eltern-werden durchstöbert hatte. Ich dachte, dass alles was jetzt noch kommt ein Leichtes dessen ist, was wir (besser gesagt meine Frau) bisher geleistet hatten. Als meine Frau mit Noelia vom Spital nach Hause kam, hatte ich eine Woche Ferien um die ersten Stunden als Familie von Anfang an mitzuerleben.

Kurz nachdem bei uns der neue Alltag eingekehrt war, erhielten wir einen Brief, in dem  uns mittgeteilt wurde, dass im Spital ein Tuberkolose-Fall aufgetreten ist. Wir sollten uns mit dem Kinderspital in Verbindung setzen um das weitere Vorgehen zu besprechen. Meine Frau führte all diese Telefonate und machte die Termine für die Untersuchungen aus. Ich entschied mich, bei der ersten Untersuchung dabei zu sein um meine Frau zu unterstützen. Die ganze Sache nahm sie sehr mit.

Bei uns zu Hause war die Stimmung angespannt... Meine Frau war sehr nervös, die Gespräche die wir miteinander hatten, drehten sich meist um die mögliche Ansteckung von Noelia. Ich versuchte, meine Frau zu beruhigen und sie zu entlasten, um die Spannung zu entschärfen. Doch es wurde zusehend`s schwieriger...

Die Nervosität steigerte sich von Woche zu Woche und mit ihr auch die Gedanken meiner Frau, keine gute Mutter zu sein. Obwohl ich ihr immer wieder bestätigte, dass sie eine gute Mutter ist und sich nicht mit solchen Gedanken auseinandersetzen muss, änderte sich nichts an der Sitaution. Es war wie verhext.. Ich konnte machen was ich wollte, die Gespräche drehten sich immer wieder um die selben Themen. Bin ich eine gute Mutter; mache ich alles richtig; denkst du Noelia liebt mich; usw... Zudem beklagte sie sich öfters über Schwindel. Ich grübelte nach und fand einfach nichts, was mir ihre Gedanken erklären konnte. Ich lobte sie, zeigte ihr, dass ich sie liebe und dass sie alles richtig macht, aber es half nichts. Ihre Gefühlslage verschlechterte sich jeden Tag. Ich kam zum Schluss, dass es wohl mit dem Babyblus oder so etwas Ähnlichem zu tun haben musste und suchte nicht weiter nach Erklärungen. Ich hoffte einfach, dass sich die Situation bald beruhigt...

Weit gefehlt, es kam hinzu, dass meine Frau sich selber den nächtlichen Schlaf raubte und auch mit dem Essen Mühe hatte. Ich selber konnte tun was ich wollte, nichts war mehr recht. Es kam nicht zum Streit zwischen uns, aber unsere Gespräche beinhalteten Dinge, über die man sich sonst nicht stundenlang unterhält. Ein kleines Beispiel: An Weihnachten waren wir bei Verwandten zum Essen eingeladen, jedoch ist in der Familie ein Kind an Scharlach erkrankt. Es war ausgeschlossen, dass wir dorthin fahren werden. Die Eltern meiner Frau beschlossen, das Essen bei den Verwandten abzuholen. Ich merkte, dass es meiner Frau unwohl wurde bei dem Gedanken, machte mir aber nicht unötig Sorgen. Danach vergingen kaum Tage, an denen meine Frau nicht von einer möglichen Ansteckung sprach, sie hatte solche Angst, dass wir uns mit Scharlach angesteckt haben. Auch in diesem Fall versuchte ich vergeblich sie zu beruhigen. Sie sprach immer wieder darüber und fing an zu weinen, wurde immer angespannter. Sie fing an zu kombinieren und fragte sich, ob es denn nicht schon genug sei, dass Noelia vielleicht schon mit Tuberkulose angesteckt wurde. Sie habe gar keine Zeit auch noch Scharlach zu bekommen... Bei all diesen Aussagen weinte sie immer und konnte sich kaum beruhigen. Sie durchforschte das Internet über die Krankheit, suchte an sich erste Anzeichen... Erst als sie sicher sein konnte, dass sie sich nicht angesteckt hat, liess die Anspannung etwas nach.

Als die Abschlussuntersuchung von Noelia nahte, waren wir beide nervös und angespannt. Da ich beruflich nicht frei nehmen konnte, fuhr meine Frau alleine ins Kinderspital. Als sie mich dann anrief und sagte, dass ich sie abholen soll, dachte ich zuerst, dass etwas mit Noelia ist. Sie konnte mir nicht viel erklären, bat mich einfach zu kommen, was ich natürlich sofort tat. Eveline war blass, sehr schwach und verwirrt. Ich fragte, was los sei, aber sie konnte es nicht sagen. Es sei etwas mit ihr passiert, das sie mir nicht erklären könne. Sie wollte einfach nur schlafen, war völlig erschöpft. Irgendwie hat sie sich zu hause dann aber wieder erholt, weinte einfach noch öfter als vorher, was ich aber auf die Erschöpfung schob... Keine Sekunde habe ich an eine postnatale Depression gedacht. Schliesslich wurden wir nie über diese Krankheit informiert. Erst, als ich im Internet nach einer Erklärung für die Gemütslage meiner Frau suchte, stiess ich auf die postnatale Depression. Mir war sofort klar, dass es sich bei Eveline darum handelt. Aber was konnte ich tun ? Ich war einfach machtlos...

Eveline`s Zustand verschlechterte sich täglich. Dazu kamen neu auch noch die Angstanfälle, die sie regelrecht lahm legten. Ich habe meine Ferien vorverschoben um ihr zu helfen in dieser schweren Zeit. Leider half meine Unterstützung wenig... Sie weinte den ganzen Tag, hatte nur negative Gedanken und keine Kraft irgendetwas zu unternehmen. Essen konnte sie kaum noch, sie nahm innert kürzester Zeit über 20 kg ab. Ich drängte sie dazu zum Arzt zu gehen, was sie 6 Wochen nach ihrem Zusammenbruch dann endlich schaffte. Man stellte eine leichte Schilddrüsenunterfunktion fest. Der Arzt, der sehr auf meine Frau einging und sich wirklich vorbildlich für sie einsetzte, verabreichte ihr ein Medikament ( Schilddrüsenhormon ), das sie endlich etwas ruhiger werden liess. Allerdings musste sie innert kürzester Zeit das Stillen aufgeben, was sie sehr belastete. Wieder hatte sie das Gefühl, versagt zu haben. Sie drehte sich in einem Kreis von negativen Gedanken und Schuldgefühlen und fand keinen Ausweg. Als sie mir dann sagte, dass sie sich am liebsten die Haut aufritzen würde, um sich endlich wieder zu spüren, drohte ich ihr mit einem Klinikaufenthalt. Mit dieser Drohung konnte ich sie davon abhalten, sich etwas anzutun. Zu gross war ihre Angst ohne Noelia sein zu müssen.

Ich war sehr erleichtert, als sie sich zum 4 wöchigen Aufenthalt in der Casa Florina entschloss! Ich war am Ende meiner Möglichkeiten etwas für sie zu tun. Nichts half ihr, das oben erwähnte Medikament hatte sie auch wieder abgesetzt, wir waren beide am Anschlag. Das einzig Positive an dieser Zeit war, dass Noelia uns sehr viel Freude bereitete. Irgendwie konnte Eveline diese schönen Momente in sich aufnehmen.

Als sie so aufblühte während der "Casa-Zeit", hoffte ich sehr, dass ihr ( und auch mein ) Leiden endlich ein Ende hat. Leider dauerte es nicht lange, bis die Depression sie wieder im Griff hatte... Zum Glück nahten die Sommerferien. Wir hatten 2 wunderbare Wochen, in denen wir uns erholen konnten. Eveline fing an, alleine einkaufen zu gehen, was vorher unmöglich war. Sie blühte auf, der Schwindel verschwand und endlich hatte sie wieder Freude am Leben ! Zu hause fühlte sie sich dann wieder weniger wohl und so beschlossen wir umzuziehen. Wir freuten uns beide auf einen Neuanfang, der für mich auch bedeutet, mehr Zeit für die Familie zu haben. Vor unserem Umzug hatte ich täglich über 2 Stunden Arbeitsweg.

Mitte November war es dann endlich soweit! Ein neues Heim - ein Neuanfang ! Bis jetzt sieht es gut aus, meine Frau ist aufgeblüht und fühlt sich sehr wohl hier. Manchmal meint die Depression noch, dass sie Eveline beherrschen kann, aber meine Frau ist stark geworden und hat sehr viel gelernt in dieser Zeit. Eine neue Therapie soll sie noch ganz von ihrer Krankheit "befreien". Ich weiss, dass sie es schaffen wird! Ich werde sie unterstützen und immer für sie da sein!

Ich möchte allen Partnern von betroffenen Mamis empfehlen, Nichts persönlich zu nehmen, die "Angriffe" der Partnerin aber ernst zu nehmen und ihr zu zeigen, dass man da ist, auch wenn man nicht immer alle Gedanken verstehen kann. Rückzug aus einer solchen Situation kann für die Frau sehr kränkend sein. Eine ehrliche und offene Kommunikation ist sehr wichtig! Keine Frau kommt absichtlich in diese Lage und kann ihr Gefühlschaos selber verstehen. Es ist keine einfache Zeit, aber irgendwann scheint wieder die Sonne !

Alles Liebe

Martin Rüegg